Hommage an die Naivität

Bei Kindern empfinden wir die Naivität als erfrischend und erheiternd, richtig süss. Doch als Erwachsener als naiv bezeichnet zu werden, führt selten zu einem heiteren Lächeln. Warum ist das so?

Wenn man einen Erwachsenen als naiv bezeichnet, stehen üblicherweise Adjektive wie „kindlich“, „einfältig“, „töricht“ oder „leichtgläubig“ im Vordergrund. Der Begriff ist geprägt von negativen Assoziationen. Niemand möchte dumm oder einfältig sein, um es noch etwas pointierter zu formulieren. Viel schöner wird der Bauch gepinselt mit Attributen wie intelligent, clever oder realistisch. Ich kenne jedoch keine menschliche Eigenschaft, die nur einseitig wirkt. Ich habe mich also gefragt, was sind die positiven Attribute der Eigenschaft „Naivität“? Ich glaube nämlich, dass die „Naivität“ entscheidend ist für die mentale Gesundheit.

Man kann sich nicht unentwegt der Realität stellen, den Geldsorgen, den Beziehungsproblemen, der unliebsamen Arbeit, seinen eigenen Schwächen – die Liste ist endlos. Doch stark realitätsbezogene Menschen erwarten oft von sich selber genau das. Sie wollen unentwegt der puren Realität in die Augen schauen und jeden Schnörkel ausblenden. Nicht verwunderlich ist daher das Studienergebnis, dass Menschen, die eine realistischere Selbsteinschätzung haben, ein geringeres Selbstwertgefühl entwickeln und anfälliger für Depressionen sind. Zudem sei ihr psychischer und physischer Zustand meistens schlechter. Gesündere Menschen nehmen sich oft in einem wärmeren, wenn auch leicht trügerischen, Schein wahr (1). Wie ironisch ist da, dass genau die Realitätsliebsamen, für die Realität der luftig leichten Seiten des Lebens blind sind.

Mechanismen und menschliche Eigenschaften

Im naturwissenschaftlichen psychologischen Sinn ist ein Mechanismus eine Wirkweise in einem System, das einen Kausalzusammenhang aufweist. Die verschiedenen Wirkungsweisen einzelner Gefühle, Energie und Eigenschaften, stehen in ständiger Wechselwirkung zueinander. Sie beeinflussen sich abhängig von der Grösse und Stärke der einzelnen Attribute gegenseitig. Kurz gesagt: Ein Riesenchaos, aber dennoch folgt es einem logischen Gesetz.

Mit meinen Eigenschaften steuere ich die Gefühle und die Energie mit welcher ich meine Gefühle erlebe und auslebe. Ich kann Wut laut schreiend und tobend oder still und heimlich mit einem ausgeklügelten Racheplan ausleben. Je nachdem, wie ich meine Gefühle auslebe, verändert sich die Energie und damit die Intensität. Vielleicht bin ich auch ein sehr verständnisvoller und umsichtiger Mensch und aus meiner Wut entwickle ich schnell Mitgefühl und die negativen Affekte verringern sich.

Genau wie Wut, Zufriedenheit, Glück, Liebe oder Hass ist auch die Naivität eine flexible Einheit. Sie wird beeinflusst von anderen Affekten, die auf uns einwirken. Ich kann jemanden Lieben und dennoch hin und wieder Hassgefühle haben. Ich kann mit meinem Job zufrieden sein und ihn dennoch hin und wieder als zermürbend empfinden. Es kommt also meiner Meinung nach darauf an, welche Haltung ich gegenüber meinen Eigenschaften und meinen Gefühlen habe. Wenn ich eine Eigenschaft ausblende und mir nicht zu Nutzen machen möchte, weil ich sie negativ belege, verpasse ich vielleicht genau den Teil, der mich etwas zufriedener machen würde.

Warum also Naivität?

Um naiv zu sein, muss ich ausblenden können. Muss ich einer genauen Analyse widerstehen können. Wenn man Naivität also nicht als das schlichte Unvermögen sieht, mehr zu Wissen, oder tiefer zu begreifen, sondern als steuerbare Eigenschaft annimmt, verändert sich die Wertigkeit dieser Eigenschaft ungemein. Es wird zum Werkzeug und somit zu einem kostbaren Schatz um das Leben mit anderen Augen sehen zu können.

Wenn ich lernen kann, mir eine optimistische Sichtweise anzueignen oder Hass in Verständnis und Selbsterkenntnis umzulenken, dann erlaube ich mir zu behaupten, dass man Naivität bewusst einsetzen kann um hinter den Wolken die Sonne zu sehen. Wie so oft kommt es auf die Elastizität der Anwendung und auf die Dosis an. Aber hin und wieder etwas Ferien für Geist und Seele können wir uns doch gönnen.

Man möge mich für naiv halten, aber dieser Text ist eine Hommage an die Naivität.

1  Armor & Brown „When Prediction Fail: The Dilemma of Unrealistic Optimism“ 2002; Taylor & Brown „Illusion and Well-Being 1988

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